Ein Gespräch mit Horst Graef von sportvers.de
Im Rennsport, wo der Adrenalinkick und das Streben nach Höchst-geschwindigkeit an der Tagesordnung sind, wird oft übersehen, wie wichtig eine umfassende Versicherung ist. Die Risiken, die mit diesem
aufregenden Sport verbunden sind, sind nicht zu unterschätzen.
In einem aufschlussreichen Interview mit Horst Graef von sportvers.de haben wir die essenziellen Aspekte der Rennsportversicherung beleuchtet und uns den Fragen gewidmet, die sich jeder Rennfahrer stellen sollte, um im Schadensfall nicht das Nachsehen zu haben.
Die Notwendigkeit einer Versicherung
„Würde mich ein Versicherer nehmen, wenn ich schon einen Unfall hatte? Und was ist, wenn ich im Rollstuhl sitze?“, mit diesen provokanten Fragen eröffnet der Baden-Württemberger das Gespräch und macht sofort deutlich, dass die Absicherung im Rennsport weit mehr ist als eine bloße Formalität – sie ist eine existenzielle Notwendigkeit. Graef erklärt: „Ein Versicherer nimmt mich, wenn ich gesund bin, nicht, wenn ich bereits einen Unfall hatte.“ Er fordert die Rennfahrer auf, die Wertschätzung ihres eigenen Lebens zu überdenken. Graef vergleicht die Kosten für eine Versicherung gern an einem bildhaften Beispiel: „Ist mir mein eigenes Leben zwei Sätze Reifen wert pro Jahr?“ Diese Frage soll Rennfahrern helfen, ihre Prioritäten neu zu setzen und die Dringlichkeit einer soliden Versicherung ernst zu nehmen. Zudem ist die Wahl der richtigen Versicherung entscheidend. Graef empfiehlt, eine Versicherung abzuschließen, die sowohl die Erzielung von Höchstgeschwindigkeiten als auch den Lizenzbesitz abdeckt. „Wenn ich nur eine Tageslizenz habe, hilft mir eine Unfallversicherung, die den Lizenzbesitz nicht einschließt, nicht weiter“, warnt er.
Risiken im Rennsport
Viele Rennfahrer verlassen sich fälschlicherweise nur auf die Lizenzver-
sicherung des DMSB, ohne die genauen Bedingungen zu kennen. „Oftmals
sind sie nicht für Trackdays oder Veranstaltungen ohne Lizenzbetrieb
gültig“, fügt Graef hinzu. Dabei können die finanziellen Konsequenzen
eines Unfalls verheerend sein. Statt „nur mit gebrochenem Arm“ kann ein Rennstreckenunfall urplötzlich einen jungen Menschen zum Pflegefall
machen. „Die Kosten für Pflege und Umbauten können schnell in die Höhe
schießen“, warnt er. Daher ist es wichtig, mit dem schlimmstmöglichen
Szenario zu planen und dies entsprechend abzusichern. Ein häufiges Problem im Rennsport ist zudem die Abhängigkeit von Verbands-versicherungen. Graef, der jahrelang als passionierter Rennfahrer aktiv
war, weiß, dass die Versicherungen der Lizenzgeber oft nicht umfassend
genug sind. Dies kann auch Profirennfahrern im Ernstfall schwer zu schaffen machen, wie das traurige Beispiel von Carlos Tatay zeigt. Der ehemalige Moto3-Pilot hatte seit einem schweren Sturz im Rahmen der Moto2-Europameisterschaft in Portimão vor knapp zwei Jahren mit schweren körperlichen Folgen zu kämpfen und ist seitdem auf einen Rollstuhl angewiesen.
Empfehlungen für Rennfahrer
Noch Monate nach dem Crash musste sich der damals 20-Jährige mit
verschiedenen Versicherungen streiten. Der lokale valencianische, der
spanische und der internationale Motorradverband FIM schoben sich
monatelang gegenseitig die Verantwortung zu. Da der Unfall im Ausland
passierte, war Tatay zu diesem Zeitpunkt über die FIM versichert. Mit seiner Rückkehr in die spanische Heimat hätten jedoch wieder die dortigen Verbände für seine Behandlungskosten aufkommen sollen. Das passierte nur in minimalem Ausmaß; nicht einmal die Kosten für einen eigenen Rollstuhl wurden übernommen. Erst als Tatay sich entrüstet an die Öffentlichkeit wandte, kam die Sache endlich ins Rollen.
„Es ist immer besser, selbst eine tragfähige Versicherung abzuschließen“, rät der Sportversicherungsexperte Horst Graef. „Ich brauche eine Renn-sportversicherung, die leistet, ohne dass ich darüber mit mehreren Parteien erst diskutieren muss.“ Besonders entscheidend wird dies, wenn plötzlich dritte Personen ins Spiel kommen, die durch einen von mir verursachten Unfall möglicherweise geschädigt wurden. Hier springt nicht die Unfallversicherung ein, sondern im besten Fall eine passende Haft-pflichtversicherung. Auch hier rät der Versicherungsexperte dazu, sich im Vorfeld genau zu informieren, denn eine Unfallversicherung deckt Personen- und Sachschäden, die Dritten zugefügt werden, nicht ab.
„Das läuft in der Regel über den Veranstalter oder man muss sich selbst um eine Haftpflichtversicherung kümmern“, betont er. Ein Haftungs-verzicht allein reicht nicht aus, um sich sicher zu fühlen. Doch nicht nur Rennfahrer sollten sich für den Ernstfall ausreichend absichern; auch Sportwarte und Helfer können von einer passenden Unfallversicherung im Schadensfall profitieren. „Die meisten Sportwarte oder Helfer gehen davon aus, dass ihnen nichts passiert. In der Regel ist eine Lizenz-veranstaltung über den Veranstalter als solchen versichert und dort
auch eine Teilnehmerhaftpflicht enthalten.
Das bedeutet, wenn ein Teilnehmer einen Sportwart überfährt, müsste das über die Teilnehmerhaftpflicht reguliert sein. Nun kann es aber sein, dass die Deckungssumme geringer ausfällt als der tatsächliche Schaden. Wenn ich durch so einen Unfall einen bleibenden Schaden zurückbehalten könnte, ist es natürlich sinnvoll, sich selbst ebenfalls dementsprechend abzusichern“, so Graef. „Am besten lässt man sich dies direkt schriftlich von dem Versicherer geben, im Idealfall als schriftlicher Nachtrag zur Versicherung.“
Ein besorgniserregender Trend ist die abnehmende Sensibilität für das Risiko im Rennsport. „Früher waren die Leute mehr darauf aus, eine Versicherung abzuschließen“, sagt Graef. Viele Rennfahrer investieren heutzutage jedoch lieber in Ausrüstung als in ihre eigene Sicherheit. „Viele Menschen fühlen sich bis zu dem Moment, wo sie im Rollstuhl sitzen, unverwundbar und schieben dieses Thema oft von sich weg, nach dem Motto: ‘Das betrifft immer nur andere und nicht mich.’“
Die Sensibilität für den eigenen Körper ist oft nicht da. Besonders bei den
ganz kleinen Rennfahrern ist die eigene Versehrtheit ein wichtiges Thema.
Doch vielen Eltern der nächsten „MotoGP-Fahrer von morgen“ scheint die
Sicherheit ihrer kleinen Nachwuchsracer nicht so wichtig zu sein oder sie
verkennen den Ernst der Lage. „Ich höre oftmals: ‘Aus dem soll erstmal was werden’, aber letztlich reicht auch manchmal schon ein Trainings-sturz aus, u m ein Kind schon mit 14 Jahren an den Rollstuhl zu fesseln. Oftmals fehlt den Eltern dann das nötige Geld, sich um das Kind zu kümmern. Es gibt meist keine Rücklagen. Der letzte Weg ist dann oftmals, mittels Spenden aufrufen die Gemeinschaft nach Geld zu fragen. Dabei wäre dies vermeidbar gewesen, wenn man sich vorher richtig versichert hätte.“
Infos: www.sportvers.de